Mittwoch, 29. August 2012

Der Fuchs und der Rabe
The Fox And The Raven 
Jean de La Fontaine


































Eine Fabel von schmeichelnder List und purer Eitelkeit

Ein Rabe saß auf einem Baum und hielt im Schnabel einen Käse; den wollte er verzehren.
Kam ein Fuchs daher, der vom Geruch des Käses angelockt war.
"Ah, guten Tag, Herr Rabe!" rief der Fuchs. "Wie wunderbar Sie aussehen! 
Wenn Ihr Gesang ebenso schön ist wie Ihr Gefieder, dann sind Sie der Schönste hier im Walde!"
Das schmeichelt dem Raben, und das Herz schlug ihm vor Freude höher.
Um auch seine schöne Stimme zu zeigen, machte er den Schnabel weit auf - da fiel der Käse hinunter.
Der Fuchs schnappte ihn auf und sagte: "Mein guter Mann, nun haben Sie es selbst erfahren:
Ein Schmeichler lebt auf Kosten dessen, der ihn anhört - diese Lehre ist wohl mit einem Käse nicht zu teuer bezahlt."
Der Rabe, bestürzt und beschämt, schwur sich zu, dass man ihn so nicht wieder anführen sollte - aber es war ein bißchen zu spät.




















A story about bootlicking ploy and pure vanity

The raven seized a piece of cheese and carried his spoils up to his perch high tree.
A fox came up and walked in circles around the raven, planning a trick.
"What is this?" cried the fox. "O, raven, the elegant proportions of your body are remarkable, and you have a complexion that is worthy of the king of the birds! If only you had a voice to match, then you would be the first among the fowl!" The fox said these things to trick the raven and the raven fell for it: he let out a great squawk and dropped his cheese. By thus showing off his voice, the raven let go of his spoils. 
The fox then grabbed the cheese and said, "O, raven, you do have a voice, but no brains to go with it!"


Donnerstag, 16. August 2012

Die Grille und die Ameise
The Ant and The Cricket
La Cigale e la Fourmi
Jean de La Fontaine


























Die Grille, die den Sommer lang zirpt' und sang,
litt, da nun der Winter droht', harte zeit und bittre Not:
Nicht das kleinste Würmchen nur, und von Fliegen eine Spur!
Und vor Hunger weinend leise, schlich sie zur Nachbarin Ameise,
und fleht' sie an in ihrer Not, ihr zu leihn ein Stück Brot,
bis der Sommer wiederkehre. "Hör", sagt sie, " auf Grillenehre,
vor der Ernte noch bezahl' Zins ich dir und Kapital."
Die Ameise, die wie manche lieben Leut' ihr Geld nicht gern verleiht,
fragt die Borgerin: "Zur Sommerszeiz, sag doch, was hast du da getrieben?"
"Tag und Nacht hab ich ergötzt durch mein Singen alle Leut'."
"Durch dein Singen? Sehr erfreut! Weisst du was? Dann tanze jetzt!"















During the wintertime, an ant was living off the grain 
that he had stored up for himself during the summer.
Teh cricket came to the ant and asked him to share some of his grain.
The ant said to the cricket, 'And wht were you doing all summer long,
since you weren't gathering grain to eat?
The cricket replied, 'Because I was busy singing 
I didn't have time for the harvest.'
The aunt laughed at the cricket's reply, 
and hid his heaps of grain deeper in the ground.
'Since you sang like a fool in the summer', said the ant, 
'you better be prepaired to dance the winter away.'













La cigale, ayant chanté tout l'eté,
se trouva fort d´pourvue quand la bise fut venue.
Pas un seul petit morceau de mouche ou de vermisseau,
Elle alla crier famine chez la fourmi sa voisine,
la priant de lui prêter quelque grain pour subsister
jusqu'à la saison nouvelle. Je vous paierai, lui dit-elle,
avant l'août, foi d'animal, intérêt et principal.
La fourmi n'est pas prêteuse; C'est là son moindre défaut.
Que faisiez-vous au temps chaud?
Dit-elle à cette emprunteuse. Nuit et jour à tout venant.
Je chantais, ne vous déplaise. Vous chantiez? j'en suis fort aise:
Et bien! dansez maintenant.












Dienstag, 14. August 2012

Zwei Segel
Two Sails
Conrad Ferdinand Meyer























verkauft / sold


Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell.
Verlangt eins zu rasten,
ruht auch sein Gesell.


















Two sails flashing bright
On the royal-blue bay!
Two Sails fill out tight
and sail calmly away!

When one in the breezes
Moves hither and yon,
The other with ease
As its shadow responds.

If one wants to hasten,
The other goes fast.
If one asks for quiet,
its companion has rest.